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"Erfolg steht über allem"

Martin Ziemer über seinen Abschied aus Hannover, Effekthascherei und Navy-Seals

 

Seit 2012 steht Martin Ziemer im Tor der TSV Hannover-Burgdorf. Nach Ablauf der Saison trennen sich die Wege des 15-fachen Nationalspielers und der "Recken" - das gab der Verein vergangene Woche bekannt. "Jetzt zu sagen, ich wäre nicht erst einmal unglaublich enttäuscht, wäre nicht nur gelogen, das würde mir doch auch niemand glauben", sagt der gebürtige Rostocker. Im Interview spricht der 35-Jährige außerdem über die Heim-WM, den weiteren Saisonverlauf ("Da sind noch Rechnungen offen") und seine Erfahrungen aus dem Trainingscamp in Phoenix/Arizona.

 

Hallo Martin, die Weltmeisterschaft ist passé und Deutschland hat die Bronzemedaille um Haaresbreite verpasst. Wie fällt dein Resümee der Heim-WM aus?

Martin Ziemer:
Am Ende war es dann doch irgendwie enttäuschend, dass es nicht für eine Medaille gereicht hat. Vor allem für meine beiden Kameraden Böhmi und Kai hat es mir leidgetan.
Beide arbeiten Tag für Tag sehr fokussiert und akribisch und sind dabei noch tolle Teamplayer. In so einem Spiel siehst du dann, das manchmal nur wahnwitzig kleine Nuancen zwischen Erfolg und Misserfolg liegen.
Insgesamt hat die Mannschaft aber gezeigt, dass sie auf höchstem Niveau mit vielen anderen Nationen mithalten kann und gerade defensiv überzeugt. Auch die Fans haben, wie es sich für eine Heim-WM gehört, einen großartigen Beitrag geleistet.
Ich denke, wir haben gezeigt, dass unser Land einfach ein toller Ausrichter für große Sportevents ist. Ich freue mich für Morten Olsen und auch Casper Mortensen, dass sie nach Olympia-Gold jetzt auch noch die Weltmeisterschaft gewinnen konnten. Das schaffen nicht viele. Wahnsinn!

Was muss jetzt geschehen, damit die aktuelle Handball-Euphorie langfristig Bestand hat?

Martin Ziemer:
Ich bin kein Vermarktungsexperte, aber ich finde, dass da schon einiges passiert ist. Mir fällt allerdings auf, dass häufig Vergleiche oder Gegensätze zum Fußball bemüht werden. Medial ist das meiner Meinung nach häufig Effekthascherei, die mich nervt. Das hat der Handball nicht nötig und das Schlechtmachen anderer ist generell keine tragende Strategie. Handball ist doch geil genug, um mit eigenen Stärken, Originalität und Witz zu überzeugen.

Die TSV Hannover-Burgdorf hat vergangene Woche bekanntgegeben, dass dein im Sommer auslaufender Vertrag nicht verlängert wird. Wie ist deine Gefühlslage nach dieser Entscheidung?

Martin Ziemer:
Ich denke, den meisten Sportlern ist bewusst, wie die Bedingungen im Profigeschäft, indem wir nun mal arbeiten, sind. Ich bin in meinem siebten Jahr hier, Hannover ist meine Heimat geworden.
Neben vielen sportlichen Highlights habe ich tolle Weggefährten und Unterstützer kennengelernt. Meine Freundin kommt ebenfalls aus Hannover. Jetzt zu sagen, ich wäre nicht erst einmal unglaublich enttäuscht, wäre nicht nur gelogen, das würde mir doch auch niemand glauben.

Du bist einer der Publikumslieblinge bei den Recken und dementsprechend haben in den letzten Tagen zahlreiche Fans via Social Media ihren Unmut zu dieser Entscheidung geäußert. Ein kleiner Trost für dich?

Martin Ziemer:
Naja, grundsätzlich ist doch jede Form des Zuspruchs im Leben hilfreich. Das macht es doch - nicht nur im Sport - auch aus, Dinge mit anderen zu tun und zu erreichen. Ich habe mich gefreut, dass sich selbst Menschen, von denen ich im stressigen Profialltag lange nichts mehr gehört hatte, bei mir gemeldet haben. Bis zum Saisonende möchte ich gemeinsam mit unseren Fans noch so viele schöne Momente wie möglich erleben.

Apropos weiterer Saisonverlauf: Mit den Recken tanzt du noch auf zwei Hochzeiten, ihr steht in der Gruppenphase des EHF-Cups und habt euch fürs REWE Final Four in Hamburg qualifiziert. Darauf kann man sich schon mal freuen, oder?

Martin Ziemer:
Genauso ist es. Jetzt gilt es für uns als Team, die kommenden Aufgaben anzugehen, für die wir gemeinsam schon so viel investiert haben. Sowohl im EHF-Cup als auch im Final Four ist der Verein ja überhaupt erst das zweite Mal dabei. Und da sind ja auch noch Rechnungen offen. Darauf freu ich mich! Und ich glaube, dass gerade unsere Fans - aber auch Menschen wie unser langjähriger Hauptsponsor Bernd Gessert - es einfach verdient haben, dass wir dafür alles geben.

An Hamburg dürftest du noch beste Erinnerungen haben. Im Pokal-Halbfinale gegen Wetzlar hast du 2018 in der ersten Halbzeit nur 4 Gegentore kassiert. War das das beste Spiel deiner Karriere?

Martin Ziemer:
Es war ohne Frage ein toller Tag. Aber ob es die beste Leistung war, darüber mache ich mir wenig Gedanken. Am Ende steht immer ein Team auf der Platte und ein Trainer nebendran. Und die Summe vieler Entscheidungen führt dann dazu, dass man gewinnt oder eben nicht. Dabei glänzt dann mal der eine und mal der andere. Der Erfolg steht dabei über allem.

Wie sehen deine Planungen jetzt aus - wie geht es über die Saison hinaus für dich weiter?

Martin Ziemer:
Die Entscheidung ist ja noch frisch und ich muss mich auch erstmal in Ruhe sortieren. Jede Medaille hat zwei Seiten und es können sich ja auch tolle neue Chancen bieten. Das gilt sportlich wie auch für die persönliche oder berufliche Perspektive. Ich werde über viele Dinge nachdenken und schließe im Moment wenig aus. Ich bin beschwerdefrei und fühle mich zu fit, um jetzt kürzer zu treten.

Könntest du dir auch ein Engagement im Ausland vorstellen?

Martin Ziemer:
Wie gesagt, Hannover ist mittlerweile meine Heimat geworden und mittelfristig sehe ich mich hier. Für einen gewissen Zeitraum ins Ausland zu gehen und neue Erfahrungen zu sammeln hat aber gewiss auch seinen Reiz. Ja, auch mit dieser Option beschäftige ich mich.

Du hast deine körperliche Fitness angesprochen. Seit vielen Jahren nutzt du die Sommerpause, um dich in Phoenix/Arizona über 6 Wochen mit anderen Profisportlern gezielt fit zu machen. Braucht dein Körper keine Pausen?

Martin Ziemer:
Ich sehe das grundsätzlich so: Als Profisportler ist mein Körper auch mein Kapital. Deswegen ist das Training in Phoenix über die letzten 7 Jahre ein wichtiger Baustein geworden. Ich fahre damit sehr gut - auch wenn ich mir manchmal natürlich Schöneres vorstellen kann. Ich habe im Camp wahnsinnig interessante Menschen aus allen Bereichen des Sports getroffen und interessante Einblicke in deren Alltag bekommen. Von Collegesportlern über NFL-Spieler bis hin zu Navy Seals war da alles dabei.

Sind Navy Seals oder NFL-Spieler wirklich so harte Kerle, wie man sie aus dem Fernsehen kennt?

Martin Ziemer:
Oh ja, das sind sie auf jeden Fall. Was alle verbindet, ist ihre große Leidenschaft, Opferbereitschaft und der Fokus auf ihre Sache. Alleine die Drills und Aufnahmetests der Seals sind unvorstellbar für jeden halbwegs normalen Menschen. Wahrscheinlich wäre das in Deutschland sogar durch irgendein Gesetz verboten. (lacht)
Und die Jungs, die ich aus der NFL kennengelernt habe, sind unglaubliche Maschinen und dabei beeindruckend beweglich. Wir können alle nur hoffen, dass die nicht irgendwann auf die Idee kommen Handball zu spielen. (lacht)

Wenn man den Berichten aktueller und ehemaliger Mitspieler glauben darf, dann bist du ein begnadeter Gitarrist. Eric Clapton, Jimi Hendrix oder Carlos Santana: Wer ist dein Favorit?

Martin Ziemer:
(schmunzelt) Ich bin da eher so der Innenverteidiger unter den Gitarrenbedienern. Aber für mich ist Eric "Slowhand" Clapton schon der Größte.

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